weiterer Auszug aus meinem Buchmanuskript siehe weiter unten!

Workshop: Stein und Therapie

bei Rudolf Söllner, Aschau a. Chiemsee

Auszug aus meinem Buchmanuskript: "Glückskind"

Cannero Riviera 2008
Cannero Riviera 2008

 

24.09.2011: Gestern Nachmittag haben wir mit dem Behauen der Steine begonnen. 100 kg Steinmasse, 28cm x 29cm x 50cm standen mir gegenüber. Ich hatte mir vorgenommen und wie ich es in Weimar bereits erfahren habe, vorgenommen ohne Vorstellung einer möglichen Form, mit dem Behauen des Steines zu beginnen. Es galt vorerst ja sowieso den Stein, die Art des Steines und das Werkzeug mit einigen Schlägen kennen zu lernen. Die Konsistenz des Steines, der Stein begeisterte mich sofort. Weich, wie Butter, gegenüber den anderen Gesteinsarten, dem Granit, Würzburger Muschelkalk, Marmor oder Sandstein, Gesteinsarten, die ich bis dato kennen gelernt hatte. Am ehesten kommt für mich der Stein in seiner Weichheit, seiner Härte noch dem Speckstein nahe. Allerdings hat er keine Maserung, keine Richtung, kaum eine Schichtung und keine unterschiedliche Härte oder Weichheit, die besonders zu beachten wären. Es ist eine sehr junge Gesteinsart, erst fünfzehn Millionen Jahre alt, ein „Pietra Leccese“ aus Süditalien, die gleiche Gesteinsart, die auch auf Malta vorkommt.

Die Worte wollen heute gar nicht so recht fließen. Ist es die frühe Uhrzeit des Aufstehens, des Ausgeschlafen seins, die jetzt nach mehreren Tagen mit nur drei bis sechs Stunden Schlaf ihren Tribut abverlangen. Oder ist es ein ähnlicher, innerer Prozess beim Schreiben, genauso wie beim Klopfen, am Stein gestern? Der Stein war mit einigen Schlägen und dem Grundwerkzeug, einem Spitzmeisel, einem Flachmeisel, einem Zahneisen und Hammer von mir aus seiner Form gebracht worden. Bereits bei den ersten Schlägen bemerkte ich, wie sich eine Form, ein Gebilde, wie ich sie die Form, es, das Gebilde, das ich seit Jahren bereits im Kopf habe, herauskristallisiert, herausbilden wollte. Ich arbeitete mit kleinen Schlägen an den Kanten weiter, an Stellen, die eigentlich immer weg müssen.

Es war eine Auseinandersetzung in meinem Inneren, eine Auseinandersetzung mit einem Aspekt, einem Teil von mir, der schon eine genaue Form hatte und dem Freisein, dem frei entscheiden wollen, dem Entscheiden können, welche Form sich in dem Stein verbirgt. Nach einer viertel Stunde, es war, es fühlte sich fast schon wie ein Kampf an, ließ ich Hammer und Meisel ihren Lauf. Sie begannen eine runde Form, eine kugelige Form im Stein frei zulegen, stehen zu lassen und ich beobachtete mich dabei, welche Gefühle beim Arbeiten hoch kamen, von mir wahrgenommen werden konnten. Es fühlte sich gut an, es machte Spaß, ich spürte eine Freude und verfolgte das Heraushauen, das Weghauen aller unnötigen Steinteile mit spannendem Interesse.

Und damit hatte ich die Entscheidung getroffen, die Entscheidung der Form, die sich bereits seit Monaten, nein seit Jahren in meinem Kopf, meinem Denken gebildet hatte und an diesem Wochenende realisiert werden wollte. Ob ich es auch kann, wird sich zeigen. Angst, meinen Anforderungen nicht gerecht zu werden, begleiteten mich bei aller Freude im Tun. Irgendwie spürte, wusste, probierte ich es aus, was es werden sollte. Es sollte ein Abbild eines Kopfes, meines Kopfes, mein erstes dreidimensionales Selbstbildnis werden. Möglichst genau, möglichst in einer Ausfertigung, dass ich meinen Kopf, meine Kopfform erkennen würde. Da taucht in meinen Gedanken eine uralte, griechische Weisheit auf: „Erkenne dich selbst und du weißt wer du bist!

Aschau 2011
Aschau 2011

25.09.2011: Heute sind die Finger etwas steif, steif vom Halten der Meisel und des Hammers und ich spüre Muskeln, die beim Arbeiten wieder gebraucht werden. Sieben Stunden lang hatte ich mit meiner Muskelkraft und dem Werkzeug den Stein bearbeitet, bearbeitet und dabei dem Stein die Form entlockt, die Form meines ersten Selbstbildnisses in Stein. Die Spannung und Auseinandersetzung mit mir selbst und der Übertragung oder Gegenübertragung auf den Stein und auf mich, war gestern über den ganzen Tag ein intensiver Prozess.

Mit der Kopfform beginnend und die Fastglatze darstellend, spürte ich einen intensiven Trialog mit mir, mit dem Stein und mit meinem Wollen. Die Form im Stein freilegend, tauchten innere Fragen, zum Teil regelrechte Glaubenssätze auf, wie: „Das schaffst du nicht!“ „Mal wieder die Ansprüche zu hoch angesetzt?“ und dem Hang zur Perfektion mich hingebend, bemerkte ich gleichzeitig eine innere Ruhe und Gelassenheit, nach dem Motto: „Es wird schon werden.“ Der Stein hatte das Profil vom Hinterkopf bis zur Stirn und weiter bis zum Kinn freigegeben, ich hatte dem Stein das Profil von meinem Kopf abgerungen. Der Stein schien aus nächster Nähe und beim Darüberstreichen mit den Augen und den Händen wahrgenommen, meinen Vorstellungen zu entsprechen.

Ich nahm dann Abstand von dem Stein, entfernte mich zehn Meter aus dieser Symbiose, weg von dem Stein, weg von meinem sich konstellierenden Selbstbildnis. Mit dem größeren Abstand auf das entstandene Profil blickend, stellte ich fest, dass wohl die Form des Schädels, der Stirn, der Nase und des Kinns einigermaßen getroffen schien, dass allerdings die ganze Linie in den Proportionen verzogen war. Den Kursleiter darauf hin angesprochen, zeigte er mir mit wenigen Worten und mit seinen Händen auf die zu veränderten Stellen hinweisend, die notwendigen Korrekturen. Dies hatte zu Folge, dass ich Teile der Profillinie, noch tiefer in dem Stein liegend, dem Steinblock genommen habe. Beim Drehen und Wenden des Steines bemerkte ich, wie angenehm es ist, das Gewicht des Steines vermindert zu können.

Ich spürte auch einen inneren Konflikt, eine Form von Dialog, von Kommunikation in mir. Ein Teil in mir suchte die richtige Linie des Profils, erspürte sie regelrecht, ein anderer Teil vertrat die Meinung: „Na ja, passen tut es ja nicht so recht! Du könntest dich ja auch damit zufrieden geben! Schon wieder den Vorstellungen nicht entsprochen! Schon wieder ein Misserfolg?“ Das Streben nach der richtigen Form überwog und alles Zweifeln in mir und Hadern mit mir, konnte mich nicht aufhalten, weiter Stunden des Mühens und der Anstrengung zu investieren. In diesen und mit diesen Auseinandersetzungen, fühlte ich auch eine beginnende Vertrautheit mit mir selbst, mit dem Stein und mit meinem Wollen und Tun. Kein Kämpfen, kein Kämpfen dieser drei Aspekte, keine Konfrontation, sondern ein Miteinander, ein Miteinander, wo jeder Aspekt seinen Platz finden kann.

Mit dieser Einsicht und dem inzwischen überforderten Körper begab ich mich in eine notwendige und vom Körper geforderte verlängerte Pause. Hätte ich mein Arbeitstempo beibehalten, hätte mein Körper keine so lange Pause einfordern brauchen und auch mehr Ruhe und Gelassenheit hätten mich in dieser Phase begleiten können. Wie einfach und leicht wurde es dann, nachdem der Kursleiter, diesmal sogar mit dem Bleistift, die Stellen markiert hatte, die Stellen an denen der Stein noch etwas Material abgeben musste. Der Grad der Zuversicht, die angestrebte Form meines Kopfes zu erreichen stieg, ich konnte meine Zweifel da lassen, wo sie waren, in mir selbst, in mir und gleichzeitig ihrer Anwesenheit bewusst. Ich hatte das Gefühl, als gäbe es etwas in mir, etwas um mich zu unterstützen und weiter zu bringen. Am Ende des intensiven Arbeitens mit dem Stein, mit dem Werkzeug, mit dem was ist und dem was werden soll, mit mir selbst, konnte ich einen wachsenden Frieden in mir selbst beobachten.

"Fenster in die Ewigkeit" Dresden 2009
"Fenster in die Ewigkeit" Dresden 2009

Es bleibt spannend, was heute weiter geschieht und wie ich damit umgehen werde.

26.09.2011: Was hat mich um diese frühe Uhrzeit aus dem Bett getrieben? Was in mir treibt mich an, diese Zeilen weiter zu schreiben? Spüre ich da ein Bedürfnis, ein Bedürfnis anderen mitzuteilen, was in mir so vorgeht? Was soll diese Selbstbeschau? Könnte es sein, dass ich mit diesen Zeilen mir und meinem Umfeld eine Erklärung meiner Bipolaren Störung geben will? Eigentlich wollte ich doch heute früh nur das Erlebte, das Erleben dem Stein meine Kopfform abzuringen, beschreiben. Erst jetzt merke ich, dass ich heute zum ersten Mal das Geschriebene direkt in den Computer schreibe. Ich hatte seit über einem Jahr alles zuerst mit der Hand geschrieben, um es dann in den Computer einzugeben. Es floss mir deutlich besser aus der Hand, besonders, wenn ich die Aufzeichnungen des Vortages vor dem Weiterschreiben gelesen hatte.

Nun bin ich heute schon wieder, wie fast jeden Tag mit meinen Zeilen, mit meinen Gedanken hin und her gewandert, nein sehr oft auch gesprungen, gar geflogen. Es ist für mich eine richtige Herausforderung und bedarf einer, nein meiner, meiner eigenen Selbststeuerung meinen bisherigen Lebensweg zu beschreiben, ihn Ihnen mitzuteilen. Was war nun gestern beim Bearbeiten meines Selbstbildnisses, beim Arbeiten mit dem Stein, dem Stein meine Kopfform abringend, geschehen?

Als ich gegen neun Uhr das Arbeitsgelände erreichte, waren gestern bereits der Kursleiter und einige Teilnehmer des Workshops da, an ihren Arbeiten stehend oder in einer Morgenunterhaltung miteinander. Ich hatte mein Foto mitgenommen um den Zustand, den Fortschritt meiner Arbeit festzuhalten. Zum einen für die Erinnerung und zum anderen, um mir die Rekapitulation des Geschehenen, den Rückblick zu erleichtern.

Der Kursleiter hatte mir eine eigene Studie eines Ohres aus Marmor als Vorlage mitgebracht und mir damit das Arbeiten sehr erleichtert. Da ich mich schlecht selbst von der Seite anschauen konnte, beobachtete ich die anderen Kursteilnehmer, um die Lage der Ohren an der Seite des Kopfes zu erfassen. Auch mit dem Abtasten meines eigenen Ohres und dem Feedback des Kursleiters entwickelte sich ein Gefühl für die Formung des linken Ohres. Lage und Größe hatte ich zuerst festgelegt. Das linke Ohr gelang mir relativ zügig. Das Ergebnis motivierte mich auch das rechte nun spiegelverkehrt anzugehen.

Es war eine echte Herausforderung für mich, mich bei diesem Teilprozess auszuhalten und meine Gefühle und Gedanken wahrnehmend, allen Widrigkeiten zum Trotz, mit dem vorläufigen Ergebnis erst mal zufrieden zu sein. Die Zeit lief mir davon. Was war nun das Leichteste zum weiteren ausgestalten, stellte ich mir als nächste Frage und entschied mich für die Nase. Da fiel mir ein, ich hatte am Ende des Vortages den Kursleiter nach einem Spiegel gefragt und er hat mir angeboten den Rückspiel seines Autos nehmen zu können. Ich positionierte ihn neben meiner Arbeit und musste feststellen, dass ich die Tiefe und das Profil nur mit einem zweiten Spiegel hätte sehen können. Also versuchte ich mal wieder, wie schon so oft in den beiden letzten Tagen, mein Gesicht abzutasten. Auch fragte ich andere Kursteilnehmer nach der Form meiner Nase.

Ich merkte wie das zügige Arbeiten schon wieder ins Stocken geriet, Augen, Nase und Mund wollten und sollten auch noch möglichst bis zum Abschluss um vierzehn Uhr fertiggestellt sein. Ich entschloss mich meinen Gedanken, dem Hadern mit meiner Unzulänglichkeit und Selbstzweifeln, nicht weiter hinzugeben und holte mir Unterstützung beim Kursleiter. Er riet mir, mit dem Prägnantesten in meinem Gesicht, meinem Bart, weiter zuarbeiten.

Aschau 2011
Aschau 2011

Die äußeren und inneren Schwierigkeiten, Schwierigkeiten, die beim Ausformen des rechten Ohres zu Tage traten, sich bei der Nase fortsetzten, tauchten doch schon wieder auch beim Bart auf. Da fiel mir mein Handy ein und ich fotografierte mich selbst von drei Seiten. Nur auf dem kleinen Display und bei der Helligkeit konnte ich auch im Schatten arbeitend kaum das für mich Wichtigste erkennen. Die Profilierung des Bartes konnte ich ja zweidimensional im Spiegel und sehr klein auf dem Handy sehen, nur kamen mir jetzt fast schon überdeutlich entscheidende Fragen zum Gelingen meines Vorhabens in den Sinn: „Wie stehen die Profile von vorne und von der Seite im Verhältnis? Was passiert mit den Linien, wenn ich sie in die Tiefe bringe? Ist vielleicht erst damit das gewünschte Ergebnis zu erzielen? Soll ich den Mut aufbringen, mich auf diesen Schritt in die Tiefe einzulassen?“ Denn was beim Stein bearbeitet, weggeschlagen ist, ist weg. Wollte ich nur annähernd fertig werden, war eine Entscheidung notwendig.

Inzwischen, in der Auseinandersetzung mit der Gestaltung meines Mundes angelangt, merkte ich, dass es nur ein Vorwärts gibt. Mit dem Tun in diese Richtung und einer gewissen Gleichgültigkeit dem Werden gegenüber, setzte ich den Meisel an und trieb ihn mit vorsichtigen Schlägen in die Tiefe. Dabei die Auswirkung genau beobachtend, stellte ich in mir ein Gefühl des Trauens ins weitere Tun, dem Entfernen vom überflüssigen Stein fest.

27.09.2011: Mit dem Oberlippenbart beginnend wollte auch der Mund seine Lage erlangen und ich stellte an Hand meiner Fotos fest, dass der Mund und der Kinnbart ja viel weiter zurückversetzt ist, als ich diese Fläche bisher bearbeitet hatte. Auf einen sogenannten Flow einlassend und immer wieder selbst beobachtend tastete ich mich an die annähernde Wiedergabe meines Dickschädels, in Stein hauend, heran. Als mir mehr und mehr klar wurde, an eine Fertigstellung, in einer mich zufriedenstellenden Form, war in der noch verbleibende Zeit nicht zu denken, spürte ich wieder diese Ruhe und Gelassenheit und auch Dankbarkeit dem Werden, dem Geworden und dem Sein gegenüber.

"Sein - Ich bin" Eschwege 2007
"Sein - Ich bin" Eschwege 2007

Der Kursleiter verkündete die letzte, verbleibende viertel Stunde und ich beschloss mich vorläufig mit dem Erreichten zufrieden zugeben, beim Aufräumen dazuzuhelfen und ich war mir inzwischen ganz sicher geworden, mein Selbstbildnis in Stein für mich erfolgreich abschließen zu können.

Warmensteinach 2011
Warmensteinach 2011

Hermann Josef Kuhn

 

"Selbstbildnis" 2011

Muschelkalkstein "Pietro  Leccese"

(28 cm x 29 cm x 50 cm)

"Atelier Jo"

Jean-Paul-Str. 11

D-95444 Bayreuth

"LA STUPPA"

Via per Cheggio 5

I-28821 Cannero Riviera